"LEL": LONDON - EDINBURGH - LONDON
1.400 km Brevet

26. - 31. Juli 2009

ein Bericht von Gerold Lehmann

 

Nach PBP (Paris - Brest - Paris) ist LEL (London - Edinburgh - London) der zweitwichtigste Langstreckenbewerb in Europa – zumindest nach meiner Definition. Also war schon seit geraumer Zeit klar, dass ich hier teilnehmen werde.

Ich habe mein Randonneurs-Rad auf einen Van Nicholas Titan-Rahmen umgerüstet (und bin mit dieser Entscheidung sehr zufrieden) und habe als Vorbereitung die komplette 200/300/400/600er Brevet-Serie sowie den erstmals in Österreich veranstalteten 1.000er absolviert. Ein paar Tage vor der Abreise habe ich mich dann noch zum Kauf eine GPS durchgerungen und mein oftmaliger Radpartner Michl hat mir dankenswerterweise den Track auf das Gerät gespielt.

Ich bin mit Peter Sperling, Andreas Schröder und Michl Krejca mit dem Flugzeug angereist (leider hatte der Flug eine mehrstündige Verspätung) – endlich in Gatwick angekommen, haben wir dann aber wieder von der Vorbereitung von unserem Herrn Randonneurs-Präsidenten (Ferdinand Jung aus Haid) profitiert, der den Transfer und den Aufenthalt in einem Hotel in relativer Nähe zum Start in der Ortschaft Ware organisiert hat.

Nach dem ganz guten und gewohnt englisch-umfangreichen Frühstück haben wir uns dann am Samstag an den Radzusammenbau gemacht – es müssen ja noch die Startunterlagen aus dem 15 km entfernten Lee Valley abgeholt werden. Beim Zusammenbau die erste Panne – ich ziehe die Titianschraube der Sattelklemme zu stark an (Drehmomentschlüssel steht leider nicht zur Verfügung) und sie reißt ab – im Radgeschäft in Ware bekomme ich aber (kostenlosen) Ersatz.

Die Jugendherberge im Lee Valley ist rasch gefunden, aber die Organisation hier kann sich mit PBP nicht messen – in zwei verschiedenen Schlangen stehen wir mehrere Stunden bis wir endlich registriert und die backdrop-Sachen für Edinburgh abgegeben sind.

Noch ein gemeinsames Abendessen mit allen österreichischen Teilnehmern und deren BegleiterInnen in der örtlichen Pizzeria in Ware und dann ab ins (sehr schmale) Bett zum Ausschlafen.

Wir drei (Peter Sperling ist zusammen mit zwei weiteren Österreichern schon um 8 Uhr Früh gestartet) haben als Startzeit 14.30 Uhr vermerkt, werden aber noch vor dem Bahnschranken (die Bahnlinie trennt die Jugendherberge vom Ort) von einem Offiziellen abgefangen und gleich zum sehr improvisierten Start eingeteilt – immerhin können wir so fast eine dreiviertel Stunde früher losfahren. Eigentlich hätten wir gleich vom Hotel weg zur ersten Kontrolle radeln können, da die Startkarten beim Wegfahren nicht abgestempelt wurden.

Unsere Gruppe umfasst ca. 30 RadlerInnen (darunter auch den Michail, den Veranstalter von VOL in Russland im Vorjahr), sie wird aber schon bei den ersten, kurz nach Verlassen des bebauten Gebietes auftauchenden Steigungen zerrissen. Bei unbekannten MitradlerInnen trachte ich mich im vorderen Teil des Peletons aufzuhalten und leiste zusammen mit Michl und zwei Norwegern hie und da auch Führungsarbeit – ist allerdings nicht schwer, da kräftiger Rückenwind.

Bei so mancher Abzweigung bzw. Ausfahrt aus den zahlreichen Kreisverkehren radelt unsere Spitzengruppe (wir holen bald andere früher gestartete TeilnehmerInnen ein) kurz in die falsche Straße – beim GPS-Track nachfahren bzw. gar im recht unübersichtlichen Roadbook nachschauen können bei höherer Geschwindigkeit schon Fehler passieren.

Da Ferdinand und Christian per Gattin mit Auto betreut werden, kann ich jetzt zu Beginn einen Teil des Gepäcks noch transportieren lassen – bei der ersten Verpflegungsstation nach 65 km (erst bei der Rückfahrt Kontrolle) wartet Edit mit dem leicht erkennbaren orangen VW-Bus schon auf Ferdinand und Christian, wir halten wir uns nur wenige Minuten auf und genießen auf der Weiterfahrt den kräftigen Rückenwind.

Unsere Gruppe ist zwar geschrumpft, da aber ohnehin nur vier Leute Führungsarbeit leisten, ist das völlig egal. Die vielen kleinen Anstiege in der sonst ziemlich langweiligen Agrarlandschaft nördlich von London können in hohem Tempo durchgedrückt werden, noch sind alle Beteiligten ziemlich frisch.

Die erste Kontrolle dann in Thurlby nach ca. 150 Gesamtkilometern – wir sind jetzt ca. fünf Stunden unterwegs, noch sind die Bedingungen gut, allerdings ziehen von Nordwesten dunkle Wolken auf. Ich koste mich durch das gute Verpflegungsangebot, bin allerdings recht schnell wieder auf dem Rad, um weiter mit der Gruppe um Michl, Andreas und den zwei Norwegern fahren zu können.

65 km weiter in Washingborough wird wieder gegessen und für die kommende Nachtfahrt gerüstet. Mittlerweile hat es zu regnen begonnen und der Regen wird zunehmend stärker – keine idealen Bedingungen für die Weiterfahrt, aber bis km 300 möchte ich heute schon noch kommen. Es geht durch ziemlich unbewohntes Gebiet, einige Kilometer lang auch schnurgerade entlang eines Kanals – die Landschaft erinnert hier an Oberitalien.

Noch über eine Kanalbrücke und dann ist endlich der Rugby Club von Thorne erreicht – hier werde ich schlafen und mich damit von der Gruppe trennen. Dank der flotten Fahrt bis hierher habe ich einen komfortablen Zeitvorsprung. Die Clubräumlichkeiten sind ziemlich belegt, alle FahrerInnen sind nass und haben das Problem mit dem Trocknen der feuchten Sachen. Nach dem guten und reichhaltigen Essen hole ich aus dem VW-Bus, der auch hier schon wartet, meinen Packsack, ergattere eine Liege und finde halbwegs komfortablen Schlaf.

Nach ca. dreieinhalb Stunden Tiefschlaf wache ich von alleine auf, frühstücke noch in Ruhe und erfreue mich des trockenen Gewandes – diesen Zustand wird es noch einige Zeit haben, denn der Regen hat aufgehört und es bahnt sich (vorläufig) sogar ein recht schöner Tag an. Im VW-Bus schlafen noch alle – Ferdinand und Christian werden mich sicher bald einholen.

Jetzt geht es bis auf Weiteres einmal flach weiter – auf den langen Geraden überhole ich ein paar FahrerInnen, die offenbar noch früher gestartet sind. Hier in der Ebene sind die Kühltürme eines (Atom?)Kraftwerkes für viele Kilometer der dominante Blickfang. Nachdem keine weiteren Teilnehmer in Sicht sind, schalte ich erstmals das GPS ein und siehe da - ich befinde mich auf dem Track. Jetzt möglichst wenig am Gerät herumdrücken, sonst wird es mühsam...

Auf der Höhe der Stadt York wird eine autobahnähnliche stark befahrene Straße überquert und dann bald die Kontrolle in Coxwold erreicht – hier verweile ich wieder eine knappe Stunde für ein zweites Frühstück – die nächste Essensmöglichkeit ist schon in 52 km.

Der Wind wird stärker, die Landschaft hügeliger, ich komme aber weiterhin gut voran – nach der öden Ebene von vorher hat die Gegend hier mehr zu bieten und macht auf das Kommende neugierig. Einziges Problem ist meine ewig rutschende Sattelstütze – beim Anziehen der Klemmschraube bin ich (wie sich später herausstellen sollte aus gutem Grund) vorsichtig.

Bei der nächsten Kontrolle in Middleton Tyas wartet schon wieder der VW-Bus und ich kann bei schönem warmen Wetter meine nasse Kleidung von gestern gut trocknen. Gerade als ich mich zum Essen hingesetzt habe, treffen Ferdinand und Christian ein, wollen sich aber der hier etwas langwierigen Essensprozedur (Essen wird bestellt und dann an den Tisch gebracht) nicht aussetzen.

Als ich meine Kalorienaufnahme für beendet erkläre, sind sie schon weg und auch der Bus ist schon im Aufbruch – ab jetzt bis Edinburgh muss ich mit der mitgeführten Kleidung auskommen. Die kommende Strecke ist ganz nach meinem Geschmack – kleine Landstraßen, von Steinmauern oder Hecken umsäumt, nie mehr flach und zur Abwechslung sogar ein paar richtig knackige Steigungen. Das Wetter kann man mit „aufgelockert bewölkt“ ganz gut beschreiben, aber der Gegenwind wird zunehmend heftiger. Alle paar km treffe ich auf Einzelfahrer oder kleine Gruppen, die aber nicht in einem mir angenehmen Tempo unterwegs sind und so fahre ich fast immer selbstbestimmt alleine.

Jetzt geht es in langgezogenen Kurven entlang kahler Hügel bis auf 600 Meter stetig bergauf – von der Steigung her kein Problem, aber der Gegenwind (eigentlich schon Gegensturm) lässt hier einfach keine vernünftige Geschwindigkeit zu und so dauert es verdammt lange, bis der höchste Punkt – sogar mit einem Skigebiet ! – erreicht ist.

5 km bergab ist dann die nächste Kontrolle 2 km vor dem Ort Aiston etwas abseits der Straße in einer Art komfortablen Schutzhütte. Wieder die schon zur Gewohnheit werdende Routine: Rad abstellen, Lenkertasche und GPS runter, Stempel holen, „Speisekarte“ checken, raus aus den Radschuhen, Essen und Trinken was geht, Flasche auffüllen, ein, zwei Kaffee noch und dann (für meine Begriffe) schnell weiter – das trockene Wetter soll ausgenützt werden.

Im Ort ein kurzes Stück Kopfsteinplaster steil bergab (wird bei der Rückfahrt lustig werden...) – bei den Kreuzungen hilft das GPS und dann für 20 km endlich Rückenwind und damit wieder eine vernünftige Geschwindigkeit. Motiviert durch die guten Bedingungen, die Windverhältnisse, den Sonnenschein und die recht nette Landschaft komme ich flott voran und schließe bald zu einer Gruppe auf. Bis zur „Grenze“ nach Schottland geht es jetzt auf einer stärker befahrenen, höherrangigen Straße weiter flott dahin – ich wechsle mich mit zwei Engländern in der Führungsarbeit ab und wir machen ordentlich Tempo, immer über 30 km/h.
Wenn es so zügig weitergeht, werde ich die nächste Kontrolle in Eskdalemuir noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen – eine sehr angenehme Aussicht.

Jetzt kommen wieder Steigungen, hier werde ich es ruhiger angehen lassen. Ich verabschiede mich von meinen Mitstreitern und radle zusammen mit einem deutschen Kollegen im Plaudertempo gemütlich durch die grüne bewaldete Hügellandschaft – wie geplant brauche ich das Licht gerade mal für die letzten 5 km. Ich habe wieder Hunger und schlafen werde ich hier auch – also Rad anschließen, Packsack und Lenkertasche sowie das GPS abbauen und schnell in das Gebäude geflüchtet, hier gibt es Schwärme der kleinen fiesen Midges.

Drinnen lässt es sich aushalten – ich bekomme sogar ein Sofa zugewiesen, auf dem ich zu Reservierungszwecken gleich einmal meine Sachen deponiere. Während dem Essen prasselt ein Feuer im Ofen, vorher wird noch geduscht – sehr angenehm.

Der Hüttenschlafsack leistet wieder gute Dienste – als ich nach ein paar Stunden aufwache, ist der Boden des gesamten Schlafraumes mit Ruhebedürftigen okkupiert, ich schnappe meine Sachen, stehle mich leise davon und widme mich dem Frühstück – draußen dämmert es schon. 

Eigentlich läuft alles bestens – wieder ohne Nachtfahrt ausgekommen, derzeit annehmbares Wetter (auch wenn es der nassen Fahrbahn nach in der Nacht geregnet hat), noch wenig Wind und eine an die Steiermark erinnernde Landschaft. Am Ortsende von Eskdalemuir erblickt man einen tibetischer Tempel, der in dieser Gegend hier doch etwas überraschend neben der Straße steht.

Auf ein paar Steigungen in fast unbesiedelter Landschaft überhole ich den einen oder anderen Kollegen und komme wieder recht flott voran – auch dank des immer stärker werdenden Rückenwinds – wäre ja angenehm, aber ich muss heute die gleiche Strecke auch noch zurück fahren. Bei einer Abfahrt treffe ich schon eine Gruppe von Rückfahrern, in der sich auch der Michl befindet – mehr Kommunikation als ein kurzer Zuruf ist nicht möglich.

In der kleinen Ortschaft Tarquir ist eine Geheimkontrolle – aber auch ein Buffet mit selbstgemachten Torten aufgebaut, da kann ich nicht einfach so weiterfahren. Der kräftige Zuckerschub hilft mir über die nächsten Hügel, die Landschaft wird hinter jeder Kurve interessanter – jetzt weniger Wald, dafür satte grüne Kuppen.

Nach der einzig größeren Ortschaft in der Gegend, die seltsamerweise den ganz unschottischen Namen „Innerleithen“ trägt, geht es auf wenig befahrener Nebenstraße (zugleich auch eine ausgeschilderte Radroute) über zwei weitere kleine Pässe zum Endspurt – vor einer langen Abfahrt bis fast auf Meereshöhe noch ein schöner weiter Blick auf Edinburgh und Umgebung. Und dann rollt es verdammt gut dank dem immer stärker werdenden Rückenwind – bis zum Stadtrand von Edinburgh muss ich kaum mal ernsthaft in die Pedale treten. Und ich treffe Andreas, Ferdinand und Christian, die sich gerade auf den Rückweg machen.

Die Stadt hätte sich sicher eine Besichtigung verdient, so muss ich mich mit der Vorstadt begnügen, kann aber immerhin einen Blick auf das schottische Bergbaumuseum neben der Haupteinfahrtsstraße werfen.

So – die Hälfte ist geschafft. Ich parke mein Rad und ergattere den backdrop-Sack, dann wird ausgiebig geduscht und gegessen – nach 700 km jetzt rein und in frischem Radgewand fühle ich mich wie neugeboren, die verschwitzte schmutzige Wäsche kommt wieder in den Sack und wird vom Veranstalter zurück transportiert. Aber jetzt geht es gegen den Wind und noch dazu bergauf – also raffe ich mich auf, um den Kampf aufzunehmen – habe hier sowieso zwei Stunden vertrödelt.

Die Rückfahrt beginnt so mühsam, wie ich es mir vorgestellt habe – ich überhole zwar ein paar MitradlerInnen, aber über die Geschwindigkeit breite ich lieber den Mantel des Schweigens. Auf der Strecke herrscht noch in beiden Richtungen reger Radverkehr. Vor dem ersten Hügelübergang ein letzter Blick auf Edinburgh - aber jetzt muss auch bei der Abfahrt getreten werden – das ist kein Gegenwind mehr, das ist wieder Gegensturm. Vor dem zweiten kleinen Pass eine lange fiese Gerade mit herrlicher Windangriffsfläche – die RadlerInnen in der Gegenrichtung rauschen flott vorbei und ich glaube einen Zuruf vom entgegenkommenden Peter gehört zu haben, der trotz Speichenbruchs am Systemlaufrad noch in der Wertung ist (ich sollte recht behalten).

Kurz vor Innerleithen in einem Tal dann wenigstens etwas Windschutz – leider scheint sich das Wetter zu verschlechtern, erste Schauerwolken entladen sich, wenigstens in der Spuk in ein paar Minuten vorüber. Eigentlich müsste ich in Tarquir bei der Rückfahrt nicht stehen bleiben (da nur bei der Hinfahrt Kontrolle), aber das eine oder andere Stück Kuchen wird wohl noch übrig sein. Es kommt noch besser – auf der Bühne des Gemeindehauses bieten zwei ausgebildete Masseure gegen eine kleine Spende zu Gunsten eines Sozialprojektes ihre Dienste an. Ich warte, bis das nette hübsche Mädchen ihren Kunden fertig massiert hat und lasse sie dann auf meine Schulterpartie und die mitgenommen Beine einwirken – gegen das Brennen der Fußsohlen tapet sie mir ein dickes Pad auf die Sohle. Um ehrlich zu sein, hätte ich mir noch gerne ein paar Wehwehchen einfallen lassen – aber es warten noch andere Behandlungsbedürftige (die sie vielleicht sogar dringender brauchen als ich) und außerdem scheint momentan gerade wieder mal die Sonne – also raus aufs Rad.

Leider dauert es nicht lange und der Himmel verfinstert sich wieder – ein kräftiger Schauer steht am Programm. Regenjacke + Überschuhe raus, ein Blick auf das Wolkenprogramm in meiner Fahrtrichtung lässt wenig Hoffnung auf Besserung zu. Die bei der Herfahrt noch als so schön empfundene Landschaft gefällt mir mit den tiefhängenden regenschweren Wolken gar nicht mehr so gut – da es von Kilometer zu Kilometer feuchter wird, kriecht die Nässe langsam durch die Überschuhe und die Regenjacke. Erstaunlicherweise kommen mir auch jetzt noch – fast 80 km vom Wendepunkt entfernt – Fahrer entgegen, so gesehen bin ich sicher nicht im Zeitstress.

Bei der Abfahrt in das Tal, in dem Eskdalemuir liegt, hört es kurzzeitig zum regnen auf.

Ich bin fast wieder trocken, bis kurz vor dem Ort ein neuerlicher Schauer mit subtropischer Intensität die ganze Umgebung und mich unter Wasser setzt. Triefend nass flüchte ich in das Gebäudeinnere, wo schon Scharen von klatschnassen Fahrern Schutz gesucht haben. So mancher Mitstreiter ist auf dem Esstisch schon eingeschlafen – das Wetter lädt ja wirklich zu einem Nickerchen ein.

Nach ein paar Nudeln und zwei Portionen Milchreis bin ich bereit und willig, weiterzufahren – der Regenschauer ist schon vorübergezogen, im trockenen Ersatzgewand ist es gleich viel angenehmer. Also die wieder einmal zwei Zentimeter hineingerutschte Sattelstütze neu ausgerichtet und raus auf die klatschnasse Landstraße – wenigstens bin ich alleine und damit nicht Wasserfontänen von anderen Radlern ausgesetzt. GPS brauche ich hier keines, gibt nur eine Straße durch das Tal.

Es war ein Fehler, auf das Einschalten des GPS zu verzichten. Im ersten Ort wieder zurück in England führt die Rückfahrt ein kurzes Stück auf anderer Strecke und ich radle auf der schon bekannten Hinfahrtsroute. Als ich endlich das Gerät einschalte und meinen Irrtum bemerke, gibt es glücklicherweise eine Nebenstraße, die mich ziemlich direkt wieder auf die Strecke führt, so hält sich der Umweg mit 4 km in akzeptablen Grenzen.

Just als ich auf die richtige Straße einbiege, kommt eine mehrköpfige Gruppe, der ich mich gleich anschließe. Die Herren sind mir aber doch etwas zu langsam, sodass ich mich mit zwei Engländern, davon einer Fixie (!) Fahrer, löse und mein gewohntes Tempo fahre. Es regnet, aber schüttet wenigstens nicht und wir kommen recht flott voran. Kurz nachdem die Anfahrtsroute wieder getroffen wird, dann ein Problem: auf meinem Dynamo-Vorderrad ist eine der 24 Speichen am Nippel gerissen, was natürlich einen ordentlichen Seitenschlag verursacht. Ich lasse die Engländer ziehen, betrachte das Schadensbild und fahre von nun an mit gemischten Gefühlen weiter – noch ein Speichenriss und das Vorderrad wird unfahrbar, ich muss schon jetzt mit ganz geöffneter Bremse weiterradeln.

Dann ein zweites Problem: es fängt wieder an zu schütten, und das ist nicht nur ein Schauer. Ausgerechnet auf dem Streckenabschnitt nach/vor Alston, wo es bei der Hinfahrt so gut gelaufen ist, habe ich jetzt Gegenwind und bin total durchnässt – schade, weil auch dieses Stück landschaftlich nett ist. Hier hilft nur Augen auf die Straße (der Blick auf die regenwolkenverhangenen Hügel ist sowieso nicht erfreulich) und durch. Das Kopfsteinpflaster im menschenleeren Alston kann ich auf dem Gehsteig radelnd umfahren aber die 2 km bis zur Kontrolle bergauf gegen den Sturm im strömenden Regen haben es in sich – bisher war mein Trost, dass es zwar nass, aber nicht kalt ist, aber hier in den kahlen Hügeln kann sich der Wind so richtig entfalten.

Schnell rein in die Hütte, so hat die Weiterfahrt (es ist immer noch hell und bei besseren Bedingungen wäre es bis zur nächsten Kontrollstelle mit nur wenig Nachtfahrt durchaus noch schaffbar) keinen Sinn. Essen kann noch warten, vorab kümmere ich mich um einen Schlafplatz und bekomme sogar die obere Etage eines Stockbetts mit Polster und Decke! Um meinen Besitzanspruch zu sichern, deponiere ich gleich einmal die trockene Hälfte meines Krempels am Bett und die nasse wandert in den Trockenraum, wo ich die letzten Kleiderbügel ergattere – hier schläft schon ein Kollege, der sich offenbar aufwärmen will (ich ziehe mein Bett vor, hier riecht es gar nicht gut...).

Beim Essen lasse ich mir Zeit, draußen wird es immer ungemütlicher, alle paar Minuten treffen abgekämpfte Radler ein. Im kleinen Essensraum gibt es nur wenige, die (so wie ich) ein trockenes „Schlaf“Gewand mithaben – das ganze ähnelt dem Heerlager einer geschlagenen Armee, überall lungern abgekämpfte, nasse und beim Essen eingeschlafene Helden herum. Die Sturmgeräusche und das Prasseln des Regens lassen meine Dachkammer, die ich mit nur vier weiteren Personen teilen muss, noch gemütlicher erscheinen – es dämmert erst, als ich mich schon in der Decke kuschle.

Sechs herrliche Stunden später bin ich für Brevet-Begriffe hervorragend ausgeschlafen – draußen ist zwar nach wie vor stürmischer Wind, aber momentan regnet es nicht. Da (wie ich später erfahren habe) die Veranstalter am Abend und in der Nacht niemand mehr über den Pass fahren ließen, ist die kleine Hütte entsprechend überfüllt und beim Gang in den Essensraum muss man verdammt aufpassen, auf keinen Schlafenden zu trampeln – jede kleine Ecke ist belegt.

Das Gewand ist angesichts der Menge an herumhängenden Radsachen nicht leicht zu finden aber leidlich trocken geworden, Frühstück noch und dann rauf auf den sturmumtosten Pass – vielleicht ist es ja auf der Südostseite weniger unwirtlich.

Die nächsten fünf Kilometer im Sturm bergauf auf leicht steigender Straße ohne jeglichen Windschutz sind zum Abgewöhnen, zudem fängt auch wieder der Regen an. Als ich endlich den Kamm erreicht habe ein Hoffnungsschimmer – im Süden ist es etwas heller, die dunklen Regenwolken hängen nur hier in den Bergen (nach englischen Maßstäben).

Langsam wird auch der Wind etwas schwächer, beim Bergabfahren muss ich zwar stetig treten, aber ich erreiche schon eine halbwegs vernünftige Geschwindigkeit – die Regenjacke und die Überschuhe trocknen langsam auf, es nieselt nur noch – hinter mir alles weiter grau in grau wolkenverhangen.

Das Leben ist doch schön – ich bin ausgeschlafen, bald wieder trocken, für kurze Momente kommt sogar die Sonne durch, einsame Hügellandschaft und das Wichtigste – ich liege gut im Zeitplan, trotz meines Schlafbedarfs eines Kleinkindes... Es gilt ein paar kräftige kurze Anstiege zu nehmen aber die (noch) nette Landschaft entschädigt für Anstrengungen. Ein zweites Frühstück in Middelton Tyas, wo ich mich aber nicht allzu lange aufhalte – die guten Bedingungen müssen genützt werden, ahja – die Sattelstütze ist wieder einmal reingerutscht, das Vorderrad hat einen schlimmen Schlag, aber hält noch.

Auf dem kurzen 52 km-Stück bis zur nächsten Kontrolle geht es mir dann wirklich gut – ich schließe zu einer Gruppe auf, überhole sie bei der nächsten kurzen Steigung und es geht immer mit über 25 km/h über die langsam wieder flacher werdende Landschaft, zwei Deutsche hängen sich in meinen Windschatten. Kurz vor Coxwold fängt es langsam wieder zu regnen an, schade.

Wieder koste ich mich durch das reichhaltige Verpflegungsangebot – gerade als meine Mitfahrer und ich zur Weiterfahrt aufbrechen wollen, komme ich auf die schlechte Idee, die reingerutschte Sattelstütze diesmal fester anziehen zu wollen – Schraube ab. Ich entlasse meine Mitstreiter mit den besten Wünschen, kümmere mich um eine (nicht funktionierende) Ersatzlösung und habe fortan ein zweites Problem: Seitenschlag am Vorderrad und reingerutschter Sattel, so kann ich nicht längere Zeit fahren.

Im nächsten Dorf frage ich dann in einer Autowerkstatt nach einer besser passenden Ersatzschraube mit Gegenmutter – nach gründlicher Begutachtung des Schadensbildes führt mich und mein Rad der Inhaber in seinem Kombi in ein Sportgeschäft in einem Einkaufszentrum am Stadtrand von York – danke dafür. Und wie der Zufall so will, arbeitet ausgerechnet dort ein PBP-Teilnehmer, der für mein Problem Verständnis hat und so bekomme ich sofort einen (sündteuren) Salsa-Schnellspanner montiert und habe wieder ein Problem weniger.

Mit der von ihm angefertigten Skizze, die mich zurück auf den Track führen soll, kann ich wenig anfangen, aber nach einigem Herumprobieren gelingt es mir, dem GPS eine Streckenübersicht zu entlocken – wenn ich die autobahnähnliche Straße nehmen, kreuze ich in ein paar Kilometern die Route.

Das funktioniert sogar – dieses teure und gewichtige Ding ist also doch zu etwas nützlich... Wieder auf der LEL-Route, pflüge ich ziemlich lustlos durch die Pfützen auf der nassen Fahrbahn – es hat sich wieder so richtig schön eingeregnet, die flache reizlose Landschaft hebt meine Stimmung auch nicht, einziger Trost ist die jetzt dank der exklusiven Salsa-Klemme nicht mehr rutschende Sattelstütze. Aber trotz des Sauwetters und der technischen Probleme liege ich gut in der Zeit – wenn ich heute noch bis Washingborough komme, sind die 200 km morgen dann eine angenehme Spazierfahrt.

Vollkommen durchnässt treffe ich am späten Nachmittag im Rugby-Club von Thorn ein und werde gleich freundlich begrüßt und gut bewirtet.

Da ich nicht allzu sehr auskühlen möchte, wechsle ich nur das Unterleibchen und versuche so gut es geht, die Regenjacke und –hose zu trocknen, ist aber ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Also Nachspeise noch und dann raus in den Regen für die nächsten 100 km – dann belohne ich mich mit einer ausgiebigen Schlafpause.

Entlang dem schnurgeraden Kanal schließe ich zu zwei Franzosen auf, einer sagt gar nichts, der andere spricht gut Englisch – sehr überraschend, aber angenehm, dass ich nicht mit meinem Schulfranzösisch radebrechen muss. Als nach 40 km der Regen dann aufhört – mittlerweile ist es dunkel geworden, aber die 2-3 Stunden Nachtfahrt halte ich auch noch aus – werfe ich bei einer Tankstelle meine letzten trockenen Kleidungsstücke ins Gefecht und radle weiter, langsam realisierend, dass ich wieder als Sieger in London einreite – das Durchhalten des lädierten Vorderrades vorausgesetzt.

Die wenigen Stunden Nachtfahrt jetzt bei trockenem Wetter sind gar nicht mal so übel wie ich erwartet habe – als ich Washingborough erreiche, ist es schon fast 23 Uhr und es beginnt gerade wieder richtig zu schütten. Ich bin schon wieder nass, nur schnell rein da, im Saal stehen eine Menge Feldbetten und auf einem Sessel kann ich das nasse Gewand aufhängen – trocken ist jetzt nur mehr meine Schlafausrüstung, bestehend aus T-Shirt und Turnhose.

Ich lasse mich nicht wecken und erwache von selbst nach knappen fünf Stunden Schlaf – natürlich ist das Gewand nicht trocken geworden aber auch nicht mehr triefend nass. Draußen scheint es derzeit ganz ok zu sein, also beeile ich mich mit dem Frühstück, dann rauf aufs klatschnasse Rad und das GPS aufdrehen, um mich durch den Ort zu leiten.

Ich sehe jetzt die Strecke, die ich am Sonntag schon in der beginnenden Dämmerung gefahren bin, aus der anderen Perspektive. Es wird wieder etwas hügeliger, viele Felder und wenig Ortschaften. Die 1200 km bisher gingen auch an mir nicht spurlos vorbei, auch wenn ich subjektiv der Meinung bin, dass ich noch nicht einen ganz so abgekämpften Eindruck wie meine Mitradler mache – aber das denkt wohl jeder hier. Es ist aufgelockert bewölkt bei starkem Seitenwind – könnte also schlimmer sein. Vom 30 km-Schnitt - wie noch bei einer Etappe am Vortag - kann keine Rede mehr sein, ich gondle mit knapp über 20 über die Landstraßen und beobachte mit Sorge die schon jetzt am Morgen sich wieder auftürmenden Schauerwolken.

Aber zuerst einmal ein zweites Frühstück bei der nächsten Kontrolle – ich schlafe prompt am Tisch sitzend für eine ganze Stunde ein. Jetzt auf zu den letzten 150 km! Wieder wird der geplagte Hintern auf den Sattel geschwungen und wieder geht es im Rentnertempo durch Südengland – Zeit genug, einen Blick nach hinten zu werfen, dort regnet es schon wieder. Die erste Schauerwolke erwischt mich in einem kleinen Dorf und ich flüchte in einen Lebensmittelladen, wo schon andere Radler Unterschlupf gefunden haben – der freundliche Inhaber ist über die unvermuteten Umsatzzuwächse sichtlich erfreut.

Der Spuk dauert nur kurz, die Fahrbahn ist aber wieder total nass. Der zweite Schauer ist da schon von anderer Qualität, nur erwischt er mich glücklicherweise in einer Ortschaft und ich kann mich unter dem Vordach eines Pubs unterstellen – für ein paar Minuten hagelt es und die Umgebung macht wegen der liegenbleibenden weißen Hagelkörner einen weihnachtlichen Eindruck.

Aber auch dieses Wetter zieht irgendwann vorbei – die Straße steht halt wieder komplett unter Wasser. Nach dem Gewitter beruhigt sich kurzzeitig der Wind etwas, sodass ich am frühen Nachmittag endlich die letzte Kontrolle in Thurlby erreiche, hier scheint (kurzfristig) sogar die Sonne. Ist aber wirklich nur eine kurzfristige Erscheinung, denn als ich endlich die finale Etappe angehen möchte, regnet sich schon wieder eine Schauerwolke ab.

Egal, jetzt kann mich nur mehr ein technischer Defekt stoppen. Nach ein paar Kilometern schaut es so aus, als ob ich die Regenwolken endgültig hinter mir gelassen habe und ich radle sehr gemütlich über die vielen Hügeln London entgegen. Für ein paar Kilometer findet sich so etwas wie eine kleine Gruppe zusammen – aber jetzt nach so vielen Kilometern fährt jeder auf den Anstiegen sein persönliches Wohlfühltempo, sodass das Zusammenfahren zu einer sehr unverbindlichen Angelegenheit wird.

Eine letzte Herausforderung noch: zwei stärkere Anstiege im Waldstück knapp vor dem Ziel, aber hier lässt die Vorfreude über das Finish alle Mühen schon vergessen. Jetzt noch durch den reizlosen Vorort, über den Bahnschranken (der glücklicherweise geöffnet ist) und rein in das Areal der Jugendherberge von Lee Valley – die Fahrt wird durch den Schotter am Parkplatz auf natürliche Weise gebremst. Es haben sich ein paar Leute eingefunden, die mir applaudieren und gratulieren, von Seiten des Veranstalters gibt’s noch ein kleines Bier und ein Sandwich und das war es dann. Bis zum neuerlichen Aufbruch nach Ware zurück per Rad hänge ich noch ein bisschen im Zielbereich herum, fachsimple mit anderen Teilnehmern und deren Angehörigen und betrachte die zahlreichen TeilnehmerInnen, die jetzt laufend eintreffen.

Auf die paar Kilometer zurück ins Hotel kommt es jetzt auch nicht mehr an – ich bin froh, das Rad dann endgültig abstellen zu können und verziehe mich gleich auf mein Zimmer, um in einen langen Schlaf zu verfallen. Ich merke nicht, dass sich nächtens der Peter, der mit einem Ersatzlaufrad den Brevet beenden konnte, in das schmale Doppelbett legt.

Beim Frühstück am Morgen dann wird eifrig Radlerlatein ausgetauscht, die restliche Zeit bis zum Rückflug verbringen wir in London – ohne Rad. Außerdem müssen wir auch noch den voll mit nasser, gar nicht gut riechender Radwäsche gestopften back-drop Sack aus dem Zielbereich holen.

Übrigens war in London zwei Tage lang gutes Wetter (bis auf einen Schauer) – die Welt ist ungerecht zu den Radonneuren....

 

Alle Österreicher - und damit alle Serenos haben erfolgreich gefinished!

 
Ferdinand hat auf seiner HP einen Bericht über den Brevet. Im Bikeboard ist gibt es auch einen Thread.
 
 


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