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1001 Miglia Italia La púi lunga Randonnée Ciclistica d´ Europa vom 16.08 – 21.008.2010

ein Bericht und Fotos von Josef Zuschmann

Nach dem es voriges Jahr beim 1000er Brevet so gut gelaufen ist und ich merkte, dass da noch lange nicht Schluss ist, suchte ich nach höheren Zielen. Außerdem musste ich einfach auch einmal einen großen Auslandsbrevet absolvieren, als Sereno Langstreckenfahrer fast Pflicht.

Die 1001 Miglia bot sich heuer ideal an und die Anreise ist auch nicht all zu kompliziert. Da ich es kaum erwarten konnte, machte ich Ende Juni eine kurze Probefahrt, und die dort gewonnenen Erkenntnisse waren dann beim eigentlichen Brevet schon nützlich.

So – das wäre in den groben Zügen die Vorgeschichte.

Die wirklichen Vorbereitungen, Streckenstudium, Herrichten des Materials etc. (ich wusste ja nicht, was auf mich zukommt) neben den mehr oder weniger anstrengenden Arbeitsspitzen in der Firma trieben mich fast zum Wahnsinn.

Ich war endlich froh, alles gepackt zu haben, um mich auf die Autostrada zu hauen und Richtung Süden zu fahren. Auf dem Weg nach Mailand musste ich dann ganz wehmütig den kleinen Umweg über Fohnsdorf nehmen, wäre ich doch dort selber gerne gefahren, aber alles geht nicht.
Als ich schon ziemlich nah an meinem Ziel war setzte Regen ein, welcher bis Nerviano nicht aufhörte und sehr stark war – ich dachte schon, wenn das die ganze Woche anhält, kann ich gleich wieder umdrehen und heim fahren.

Nachdem ich ins Hotel eingecheckt hatte, wollte ich mich noch in der naheliegenden Pizzeria stärken. Sie war vollbesetzt und ich musste ca. eine Viertelstunde warten, um einen Sitzplatz zu ergattern; ich wollte im Regen nicht ein weiteres Lokal suchen, ich war ja eh schon tropfnass.

Sonntagmorgen traf ich beim Frühstück die weiteren Österreicher: Tom mit seiner Frau und Tochter und Markus, dessen Gepäck und Fahrrad ich mitgenommen hatte.

Der Regen hatte aufgehört, die Straßen waren trocken und so fuhren wir wie geplant eine kleine Runde.
Wir suchten die Lokalität auf, wo wir uns anmelden mussten, fuhren danach zum Start und von dort weg einen kleinen Teil der ersten Etappe, um ganz einfach den GPS Track zu überprüfen. Es waren schon viele Randonneure unterwegs, die sich auch ein wenig umsahen – z.B. fuhren kurz zwei Brasilianer mit uns mit. Die Eindrücke waren für mich schon gewaltig.

Nach einem gemeinsamen Essen radelte ich nochmals für ein paar Fotos zum Start, bevor ich mit Markus Abendessen ging und wir uns zeitig zur Ruhe legten; die nächsten Tage sollten hart genug werden.

Am Montag um 9 Uhr begann die Anmeldung, wir waren früh genug dort, und hatten alles rasch erledigt. In der Mitte des Platzes stand ein Tisch mit zwei Flaggen, welche von allem Teilnehmer signiert werden sollte – natürlich auch von uns. Ein komische Gefühl: Hatte ich doch früher stundenlang irgendwo gestanden, um ein Autogramm von diversen Motorsportlern abzustauben, durfte ich jetzt selber unterschreiben – man fühlt sich kurz wie ein Star.

Nur die Abgabe unserer Gepäckstücke gestaltete sich ein wenig schwierig. Zuerst wurde gesagt, dass diese am Start übernommen werden. Dort wusste keiner etwas und wir wurden wieder zur Registration zurück geschickt, nach einigem hin und her war klar, dass wir doch wieder zum Start hin mussten – aber erst nachmittags. So – das meiste Organisatorische war erledigt, die Zimmer durften wir bis 16 30 behalten, und wir gingen unserer zweit wichtigsten Beschäftigung neben Radfahren – nämlich Essen – nach.

Danach noch ein wenig ruhen, Zimmer räumen und um ca. 17 Uhr fuhren wir schon im Renn-Outfit zum Start: Es gibt kein Zurück mehr – der Countdown läuft!

Am Startplatz angekommen, unsere Sachen für die Kontrollstellen endlich abgegeben, fand das Fahrerbriefing statt, auf Italienisch und Englisch. Viel habe ich nicht mitbekommen, aber es ist eh immer dasselbe: auf der Strecke muß jeder selber für sich verantwortlich sein.

Ich wollte nicht ganz vorne starten, aber Markus hat mich dazu überredet und so standen bzw. saßen wir 2 Stunden vorm Start bei der Absperrung. Die Stimmung schon außergewöhnlich: Eine emotionale Mischung aus Freude und Skepsis Kann ja doch einiges passieren – aber besser man denkt nicht weiter darüber nach.

Dann ging es Schlag auf Schlag: Wir wurden rein gelassen, im Vorbeifahren wurde die Lichtanlage kontrolliert, die Startzeit eingescannt und unter dem Applaus weniger Zuschauer wurden wir auf die Reise geschickt.

Mit Motorradbegleitung fegten wir mit 40 – 45 km/h durch die beginnende Nacht. Ich war bald am Ende dieser Gruppe und nach ca. 75 km ließ ich reißen und fuhr zum ersten Mal alleine, der Schnitt von 34 km/h war mir für eine solche Monsterfahrt viel zu hoch.

Erste Kontrollstelle Fombio: 104 km um 00:05 – schneller als geplant. Nach ca. 130 km kam von hinten ein Zwischenruf „Servus Giuseppe!“ Es war Markus, ich dachte, er wäre schon längst vorne weg. Er berichtet mir, dass er schon einen Platten hatte und als er das sagte, ein Zischen und der zweite Schlauch war hin. Natürlich blieb ich stehen und leuchtete ihm, und wir stellten fest, dass der Mantel einen Riss hatte. Nach 20 – 30 min Stehzeit meinte er, dass ich weiterfahren soll – was ich auch tat. Markus war schon sehr enttäuscht: Die schnellen Fahrer waren weg und er hat sein Ziel, unter 100 Stunden zu bleiben, schwinden sehen.

Bei der K 3 kam er an, als ich wieder wegfuhr nach der ersten Essenspause, der Reifen war notdürftig repariert und hat gehalten.

Zur K 4 nach Faenza lief ich auf eine Gruppe mit Schweden auf und hängte mich hinten an. Zuerst habe ich gar nicht richtig mitbekommen, welche Taktik die fahren. Es schaute mehr oder weniger nach einer Wurschtlerei aus, ich war gleich vorn – dann mitten drin – und wieder hinten. Als ich mitbekam, dass die einen Kreisel fahren und ich die Reihenfolge durchschaut hatte, machte ich mit und es funktionierte bestens.

In Faenza angekommem folgte der Teil, den ich schon kannte und ich fühlte mich wie zu Hause. Bei der K 5 merkte ich schon die 480 km – sie hatten mir schon zugesetzt, und ich wusste, was folgen würde und beschloss daher eine Station früher zu schlafen, um die nächste Bergetappe ausgeruhter anzugehen – was auch richtig war. Die Schlafstelle ein Sportstadion, auf einer Matte in der Kabine – ohne etwas zum Zudecken.

Am Mittwoch um 1:00 fuhr ich weiter und es sollte die kälteste Nacht werden, bei den Abfahrten hat es mich ordentlich gefröstelt. Um 6:45 erreichte ich Chiusi della Verna. Nach einer weiteren Essenspause ging es zum ersten Gepäcksdepot nach Passignano: frische Wäsche, kalte Dusche (warmes Wasser konnte ich nicht finden). Weiter nach Todi (734 km) und Bolsena (788 km) – die Hälfte wär fast geschafft und es steht eine Schlafpause an. Nach der Frage, wo man hier „sleeping“ kann, wird mir auf ein Zelt auf der anderen Straßenseite gedeutet. Es war schon dunkel und ich leuchtete mit der Helmlampe hinein. Es gab nur ein paar Schaumstoffplatten im feuchten Gras und wieder nichts zum Zudecken – die schlechteste Unterkunft. Ich wusste jetzt, was mir fehlte und unbedingt vonnöten ist: eine oder mehrere Aludecken. Ich war schon am Überlegen, ob es nicht besser ist, gleich weiterzufahren. Dann legte ich mich doch hin und schlief ein. Beim ersten Aufwachen sofort raus aus den Verlies und weiter geht’s. Es ist Donnerstag 2:00 Uhr. Auf dem Weg zur K 10 in Pomonte war eine steile Rampe zu bewältigen. Dort angekommen traf ich Tom, der kurz nach mir abstempelte und er meinte, dass ich eh noch sehr gut aussehe. Er hätte mich anhängen lassen, aber ich verneinte und fuhr mein eigenes Tempo. Kurz später folgte einen Geheimkontrolle – diese war aber fair angelegt und man konnte nicht vorbeifahren.

Bei der Kontrollstelle 11 im Zentrum von Montalcino war es mittags und es herrschte reges Touristentreiben am Hauptplatz. Ich lehnte mein Fahrrad an eine Säule, wo genau darüber ein Plakat von unserer Veranstaltung hing und die neugierigen Passanten schauten, was da vorgeht und stolz präsentierte ich meinen Kilometerstand: 941 konnten sich ja sehen lassen! Ich wurde auch von einen Paar aus Graz angesprochen, und er sagte, dass er selber ein wenig Mountainbike fährt. Ich fühlte mich zum zweiten Mal wie ein Superstar, den alle bewundern.

Auf dem Weg zur K 12 entschied ich mich, doch die Variante Eroica zu fahren: Eine feinkörnige Schotterstraße – am Ende eine steile Abfahrt. Könnte auch irgendwo im Weinviertel sein.

In Castelnuovo Berardenga der zweite Bagtrop: Duschen, Umziehen, Essen, das Übliche …. Zum schlafen zu früh, und es steht die nächste schwere Etappe an. Kurz war ich unentschlossen, was ich weiter machen sollte. Ich legte mich dann doch für 2 Stunden hin, und nahm um 20:20 die 13. Etappe in Angriff: 95 km mit 1750 hm – in der Dunkelheit kein leichtes Unterfangen. Am Freitag um 3:20 kam ich dann endlich in Montaione an: Eine kleine Kantine auf einen Sportplatz – keine offizielle Schlafstelle – aber einige lagen schon im hinteren Raum (ein Mittelding zwischen Abstellraum und Küche) am Boden und auch ich setzte mich hin und ruhte, bis es dämmerte.

Die 14. Etappe – ein Flachstück nach Montecatini – erreichte ich um 9:30. Die Basketballhalle wäre sicher eine der besseren Schlafstellen gewesen, aber es ist Freitag vormittag und es geht weiter 120 km nach Aulla auf einer stark befahrenen Straße mit 1240 hm. Es geht wenig weiter und der Berg zieht sich in die Länge. Unterwegs hat mich ein Brasilianer eingeholt, mit dem ich ein kurzes Stück gefahren bin.

Auf dem Weg zur K 18 fuhr ich mit einem Japaner und noch einem Zweiten und es geht auch mehr weiter als untertags. In der Dämmerung erreichen wir Deiva Marina, und ich konnte den Blick aufs Meer noch genießen. Es ist plötzlich ganz warm, am nächsten Morgen beim Wegfahren hatte es schon 24 Grad. Doch vorher wird noch geschlafen: Am Gang irgendeines öffentlichen Gebäudes (Schule ?). Diesmal gab es sogar was zum Zudecken, was ich gleich für eine längere Nachtruhe ausnutzte. Als ich aufwachte, war alles leer – die Kollegen waren schon früher gestartet.

Abfahrt Samstag 6:00: Die letzten drei Etappen sollten kein Problem mehr sein und das Ziel war schon greifbar nah. Die K 17 erreichte ich um 10:50: Alles super – nur mehr 170 km!

Doch auf den Weg nach Castellania wich mein GPS Track vom Roadbook stark ab und es wurden immer mehr Kilometer. Auf der Strecke traf ich einen Norweger, der war sich auch nicht mehr ganz sicher, ob er richtig war und noch dazu hatte sein Navi keinen Strom mehr. Wir fuhren dann gemeinsam zum Geburtsort von Fausto Coppi hoch.

Die letzte Etappe mit 120 km zog sich auch in die Länge, und es war schon mühsam, ein halbwegs akzeptables Tempo zu machen. Ich holte einen Italiener ein. Erst dachte ich, ich fahr ihm davon – habe ich nicht geschafft – darum fuhren wir gemeinsam. Plötzlich tauchte ein Auto auf, das uns ins Ziel lost. Doch noch viel mehr! Der Fahrer verpflegte uns, ich hatte eh schon fast nichts mehr zum Trinken, es dürfte ein Bekannter des Italieners gewesen sein. So war mir sofort klar, dass wir gemeinsam das Ziel erreichen sollten, und auf einmal waren wir auf der SP 109 und auch in Nerviano und alle Leiden sind vergessen!

Danach ging es zurück ins Hotel, wo mich Markus, Tom und Agnes erwarteten. Sie waren schon ca. 10 Stunden vor mir im Ziel. Ich bin mit meiner Leistung sehr zufrieden, habe ich doch mein ursprüngliches Ziel von 120 Stunden erreicht und ich bin zur selben Erkenntnis wie nach denn 1000er Brevet gekommen: Da geht noch mehr – Schluss ist noch lange nicht!

Nach einer Nacht in einem weichen Bett, diesmal mit Decke, fuhr ich zum Startgelände zurück, um meine Sachen von dem Gepäcksdepot zu holen und um noch einmal ein wenig Brevetluft zu schnuppern. Es ist ein wunderbares Gefühl, etwas ganz Großes geschafft zu haben!

Es war sicher nicht die letzte Ultralangdistanz, ich freue mich schon auf die nächste Brevet Saison.

Fazit:  1.630 km – 15.100 hm – 75 h 30 min Nettofahrzeit – eigentlich viel zu langsam!

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