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1001Miglia – Mailand-Rom-Mailand 1.600 km Brevet vom 17.08 – 23.008.2008 (I)

ein Bericht von Michael Krejca
Original erschienen auf T-U-R-S Radsport
(Die Bilder standen zum Zeitpunkt der Übermahme in dene gegenständlichen bLOG nicht mehr zur Verfügung).

Nach einer ereignislosen Anreise mittels Billigflieger nach Mailand Freitag abend, eines ausgiebigen Abendessens und abschließenden Bieres in Mailands Rolling Stone – Pub, in dem relativ neuen Hotel ‚Todi‘ in San Vittorie Olana, einem Vorort von Mailand, etwa 5 km vom Start/Ziel entfernt eingecheckt.

Das Hotel wurde uns von der ‚Associazione Culturale Assesempione‘ empfohlen. Für Teilnehmer der 1001Miglia gibt es einen Spezialtarif. Der Normaltarif wäre für mich nicht leistbar gewesen…

Nach einer relativ kurzen Nacht dem von den übrigen im Hotel logierenden Randonneurern schon ziemlich leer gegessenen Frühstücksbuffet den Todesstoß verpasst, ging es an den Aufbau unserer Räder, der ziemlich flott vonstatten ging. Es schien, als ob beim Transport keinerlei Schäden aufgetreten wären.
Wir machten uns auf den Weg zum Start. Da im Vorfeld weder Zeitpunkt noch Ort der Registrierung angegeben wurden, wollten wir dies vor Ort klären. Am Start angekommen erwies sich der als menschenleer.

Als nach ein paar Minuten jemand auftauchte und Andreas ihn fragte, wann und wo denn nun die Registrierung erfolgen würde, schüttelte der nur unwissend den Kopf. Er meinte aber, dass die Organisatoren nicht vor dem späten Nachmittag hier auftauchen würden.

Unverrichteter Dinge fuhren wir Richtung Hotel zurück.

Bei der Rückfahrt stellte Andreas fest, dass sein Steuersatz ein wenig zu locker eingestellt war. Nach einem kurzen Check von uns beiden – zugegebenermaßen sind wir, was Fahrradmechanik angeht, keine ausgewiesenen Spezialisten – und nochmaligem Einstellen des Steuersatzspiels schien das Problem gelöst.

Dadurch, dass uns so noch der halbe Tag Zeit blieb, wollten wir ins Zentrum von Mailand, um uns die wichtigsten touristischen Sehenswürdigkeiten anzusehen.
An der Rezeption nach dem Busfahrplan gefragt und Tickets gekauft – die einfache Fahrt nach Mailand kostet 3,5 EURO – und uns in brütender Mittagshitze vis-a-vis des Hotels zur Bushaltestellt gestellt.
Laut Fahrplan sollte alle 20 Minuten ein Bus Richtung Innenstadt fahren. 10 Minuten vergingen. Laut Plan hätte der nächste Bus bereits abfahren sollen – aber was solls, kann sich ja einmal verspäten… Nach weiteren 30 Minuten wurde es uns zu bunt und wir gingen wieder ins Hotel zurück, um unser Geld für die Fahrkarten zurückzuverlangen.
Der Rezeptionist rief daraufhin irgendwo an und erfuhr nach langem hin und her, dass – obwohl es sich um einen ’normalen‘ Samstag handelt – der Bus heute nach dem Feiertagsplan fährt.
Benvenuto a Italia – kann ich da nur sagen…

Also kamen wir doch noch dazu, unser Pflicht-Sightseeing-Programm zu absolvieren und besuchten den Mailander Dom, die Scala und die bekannte überdachte Einkaufsmeile ‚Galleria Vittorio Emmanuele II‘.

Zurück im Hotel wollten wir zu Abend essen. Da aber das Restaurant geschlossen hatte, gingen wir ein paar Meter weiter in einen Pizza-Lieferdienst und kauften uns dort zu zweit eine äußerst gut schmeckende Familienpizza – Gerold hätte seine Freude gehabt… – die wir auf dem Eingangsportal einer Vorstadtkirche verzehrten.

Sonntag

Nach dem Frühstück auf der Fahrt zur Registrierung war Andreas Problem mit dem Steuersatz wieder da. Noch einmal zogen wir alles an und waren ratlos, warum sich der Steuersatz immer wieder löste.
Dieser Umstand war für Andreas Stimmung – verständlicherweise – nicht gerade förderlich.

Die Registrierung endlich gefunden, und nach einigem Warten hatten wir endlich unsere Startunterlagen in Händen. Andreas bemühte sich beim Veranstalter um einen Mechaniker, der sich den Steuersatz einmal ansehen sollte.
Da es aber a) Ferienzeit war und b) Sonntag, konnten auch die Veranstalter nicht sofort mit einem Mechaniker dienen, versprachen aber für den Nachmittag jemanden zu organisieren.

Dass Andreas perfektes Italienisch spricht ist ein Glück. Denn hier jemanden zu finden, der in der Lage ist, auf Englisch eine einfache Konversation zu Stande zu bringen, ist ein eher aussichtsloses Unterfangen.

Also zurück ins Hotel.
Andreas ließ das technische Problem aber keine Ruhe, und so demontierten wir die komplette Gabel.
Ein Blick – und des Rätsels Lösung war gefunden. Der Gabelschaft hatte sich von der Aluminiummuffe gelöst und ließ sich frei bewegen. Ein natürlich irreparabler Schaden.

Nach einem weiteren Telefonat mit den Veranstaltern wurde Andreas mitsamt Fahrrad abgeholt und zum Mechaniker transportiert. Ich versuchte unterdessen, noch 1-2 Stunden Schlaf zu bekommen, was mir aber nicht wirklich gelang.
Kurz bevor wir unser Zimmer räumen sollten, kam Andreas zurück. Die Gabel konnte – wie vorherzusehen war – nicht repariert werden. Auch eine Ersatzgabel war in der kurzen Zeit nicht aufzutreiben – warum muss man auch eine 1 Zoll Gabel fahren…

Ein Mitglied des Organisationskomitees bot Andreas jedoch sein Trekkingrad mit Federgabel und Rennlenker an, um überhaupt an diesem Brevet teilnehmen zu können. Andreas nahm das Angebot an und so wurde das Trekkingrad umgebaut. Laufräder, Lichtanlage und Sattel wurden umgebaut.
Der Umstand, dass das Rad so gut und gerne 16kg hat ist nicht zu verleugnen – aber immer noch besser, als nicht zu fahren.

Also die Sachen gepackt und ab zum Start.
Dort war gerade das Briefing in Gange. Die größte Änderung war der Startzeitpunkt. Nicht so wie kommuniziert um 22:00 Uhr für Fahrer, die die 130 Stunden Karenzzeit gewählt hatten, sondern ab 21:00 Uhr in Startblöcken zu 35 Fahrern alle 10 Minuten. Wir wollten im ersten Startblock stehen. Einzig aus der Überlegung heraus, dass, falls uns die erste Gruppe zu schnell sein sollte, man kein Problem hätte, dass von hinten nichts mehr nachkommen würde.
Wie sich ein paar Stunden später herausstellen sollte – ein vollkommen unbegründeter Gedanke…

Nach der letzten im Startgeld von 160 EURO beinhalteten Mahlzeit – es gab Prosciutto/Melone, Pasta und ein Stück so eine Art Linzerschnitte und Wasser – war es Zeit, sich am Start anzustellen.
Angesichts der ’nur‘ 201 Starter war es kein Problem in die gewünschte erste Startgruppe zu kommen.

Um 21:00 Uhr erfolgte unter dem Applaus von einigen wenigen Zuschauern der Start.

In der ersten Gruppe waren außer Andreas und mir ausschließlich Italiener vertreten.
Wie sich schon in den ersten Stunden herausstellte, sehen sie diesen Bewerb mehr als Rennen denn als Brevet – und so fahren sie auch – nicht was die Geschwindigkeit betrifft – ich hätte alleine schneller fahren können – sondern die Plänkeleien um die Führungsarbeit etc. betreffend.

Die ersten 421km verliefen durch die Poebene bis kurz vor die Adriaküste auf einer brettlebenen Strecke ziemlich ereignislos mit 29er Schnitt.

Nur bei den Kontrollstellen wurde es hektisch. Da fielen die bei der Führungsarbeit so zurückhaltenden Italiener fast mit Gebrüll ein, und drängten und drängelten, um nur ja als erster den Kontrollstempel zu bekommen.
Ein Umstand, der mich nicht kalt ließ und hätten sie mich verstanden, sie hätten sich was anhören können. Andreas beobachtete die Szenerie mit einem Lächeln und meinte nur: ‚Was willst, sind Italiener…‘.

Da Andreas und ich bei der Kontrolle in Savignon s Rubic (Montag 11:25 Uhr) eine längere Essenspause einlegten, fuhren wir alleine weiter.
Bei den gleich darauf beginnenden ersten Anstiegen konnte Andreas mein Tempo nicht halten und so fuhr ich alleine weiter. – Ich werde ihn erst im Ziel wieder sehen.
Vorbei an St. Marino – weiter durch malerische Landschaft nach Apecchio. Kurz davor fuhr ich bei einer von Privatpersonen organisierten Labe auf 4 Italiener auf.
Ich beschloss, mit ihnen zu fahren, obwohl sie mir um einen Tick zu langsam waren. Eine schlussendlich gute Wahl, und so lag es die meiste Zeit an mir, die Führungsarbeit zu leisten.

Vereinzelt kam es vor, dass aus einem vorbeifahrenden Auto gefragt wurde, ob man denn Teilnehmer der 1001Miglia sei. Und dieser Umstand dann mit einem ‚Complimenti‘ bedacht wurde.

Am letzten längeren Anstieg vor der ersten Schlafstelle und zugleich erstem Bagdrop bei km 592, hatte man einen wunderbaren Blick über den ganzen Lago Trasimeno. Nach einem Erinnerungsfoto ging es nur noch bergab zur Kontrolle. (Montag 20:50 Uhr)

Nach einem guten Essen – es gab wieder einmal Prosciutto/Melone, Pasta und Kuchen -, einer warmen Dusche und frischer Kleidung einigte ich mich mit meinen 4 Mitstreitern – da keiner auch nur ein Wort Englisch verstand mit Händen und Füßen – auf 3 Stunden Schlafzeit.
Einmal kurz hingelegt und schon ist man eingeschlafen.
Bereits 10 Minuten vor festgelegter Abfahrtszeit war ich abfahrbereit. Meine Ragazzi brauchten jedoch noch etwa 20 Minuten bis sie sich bequemten, wieder auf ihre Carbonrösser zu steigen. Hmm… (Dienstag 01:20 Uhr)

Weiter ging es durch nicht allzu schweres Terrain Richtung Todi.
In den frühen Morgenstunden war es durchaus frostig, sodass die lange Jacke zum Einsatz kam.
Doch bereits um 10:00 herrschten hochsommerliche Temperaturen von bis zu 35 Grad. – Die Maximaltemperatur, die auf meinem HAC4 gespeichert ist, betrug 41 Grad in der Sonne…
Ich hatte neben meinen beiden 0,75 Liter Flaschen in den Flaschenhaltern noch eine Flasche in der mittleren Trikotasche mit – eine gute Entscheidung, denn nicht überall war trinkbares Wasser zu bekommen.

Nach Todi – es war schon hell – überkam mich eine bleierne Müdigkeit, gegen die ich so gut als möglich anzukämpfen versuchte – aber um 08:00 Uhr beschloss ich, meine Begleiter – die sich um einen dezimiert hatten – fahren zu lassen und mich für 20 Minuten auf einen Powernap neben eine viel befahrene Straße auf eine Parkbank zu legen. Weiterzufahren wäre in dieser Situation zu gefährlich gewesen.
Die kurze Schlafpause tat mir gut und so fuhr ich flott alleine weiter bis zur nächsten Kontrolle bei km 737 in Corchiano. (Dienstag 09:53 Uhr)

Just als ich mit dem Essen fertig und zum Aufbruch bereit war, kamen meine übrig gebliebenen 3 Mitstreiter aus dem Schlafsaal – und wir setzten unsere Reise wieder gemeinsam fort.

Ab jetzt fuhren wir in einer Gegend, in der es Trinkwasserbrunnen gab. Aufgrund der Hitze wurde jede zu einem Stopp genützt, Flaschen aufgefüllt und Köpfe und Füße gekühlt. Ich war ein wenig erstaunt, dass auch meine italienischen Freunde genauso mit der Hitze zu kämpfen hatten wie ich.

Trotzdem ging es flott weiter bis nach S. Quirico d’Orcia. (Dienstag 20:50 Uhr)
In dieser Region wird das berühmte Radrennen die ‚Eroica‘ vorwiegend auf Schotterpisten ausgetragen. Die 1001Miglia Fahrer können es sich aussuchen, ob sie über ein 12 km langes Schotterstrassenstück fahren möchten und dafür 3 Stunden Zeitbonifikation bekommen, oder doch lieber die Asphaltstraße wählen.
Beim Briefing vor dem Start wurde deutlich angeraten, das Stück nicht bei Dunkelheit zu befahren – zu gefährlich!
Ich kam mit meinen Gefährten bei Dämmerung an die Abzweigung. Keiner meiner Begleiter machte Anstalten, die Schotterpiste fahren zu wollen.

Ich dachte mit nur – frei nach Gerold – ‚was soll sein‘ – und bog in die Schotterstraße ab – wenn man schon einmal da ist, kann man sich das ja einmal anschauen…
Nach etwa 500 Metern wurde die Straße schlechter: Längs- und vor allem Querrillen mit unterschiedlich grobem und zum Teil recht tiefem Kiesel, spitze Steine – und das ganze noch Hügel rauf und runter. Als ich einen Kilometer gefahren war – und in der Zwischenzeit war es dunkel geworden – siegte die Vernunft und mir wurde es zu gefährlich. Also umgedreht und zurück auf die Asphaltstraße. Dieser kleine Umweg hatte mich ungefähr eine halbe Stunde Zeit gekostet – und es sollte nicht der letzte Umweg in dieser Nacht sein.

Für die ‚Umleitung‘ auf der Asphaltstraße gab es zudem keinen GPS-Track und so kam es, wie es kommen musste und ich entschied mich für die falsche Abzweigung, die mich so etwa 15 km und 350 Hm kostete.
Endlich wieder den Ort der falschen Abzweigung erreicht, fuhr ein Italiener an mir vorbei in die falsche Richtung. Nur mit äußerstem Einsatz von Händen und Füssen gelang es mir dem Mann zu überzeugen das dies der Falsche Weg sei – und er die Passanten die sich vor einem Cafe aufhielten doch nach dem Weg fragen sollte, was er dann auch tat…

Endlich wieder auf dem richtigen Weg fuhr ich voraus. Nach der nächsten Kontrolle gab es wieder einen GPS-Track und ich war sicher, die nächste Schlafstelle in Gaiole in Chianti leicht zu erreichen.
Doch in finsterer Nacht, auch wenn die Bodenmarkierungen so gar nicht mit dem Track übereinstimmen und in eine andere Richtung weisen, sollte man den Bodenmarkierungen folgen. Könnte ja sein, dass um die nächste Ecke eine Geheimkontrolle ist – und wenn man die verpasst, ist die ganze Fahrt eigentlich umsonst …

Also den Pfeilen gefolgt. Nach der dritten Abzweigung – wo ich eigentlich immer mit einem Richtungspfeil gerechnet hatte – wurde ich unsicher. Eigentlich hätte da zumindest ein Richtungspfeil sein sollen – aufs GPS geschaut und das deutete in die andere Richtung.
Also wieder zurück in den Ort und nach dem Weg gefragt. Der Junge, den ich ansprach, konnte zwar – welch Verwunderung – auch kein Englisch, versicherte mir aber glaubhaft, dass die Richtung, aus der ich gekommen war, die richtige ist.
Also das ganze wieder zurück – und siehe da: Etwa 1 km nach dem Punkt, wo ich umgedreht hatte, kam die nächste Bodenmarkierung und ich fand meinen Weg durch den Wald und die Weinberge zur Kontrolle und Schlafstelle in Gaiole in Chianti. (Mittwoch 01:15 Uhr)
Ich schätze einmal, dass mich diese drei Umwege so 2,5 bis 3 Stunden Zeit gekostet haben in dieser Nacht…

Die einzigen weiteren Fahrer, die beim Essen saßen, waren meine 3 Ragazzi. Sie gaben mir zu verstehen, dass sie sich auch verfahren hatten… – so trifft man sich eben wieder…
Jetzt das übliche Spiel. Schnell das Einser-Menü verzehrt – richtig, Prosciutto/Melone, Pasta,… etc. – ab in die Dusche und in frische Sachen geschlüpft, und ab in den Schlafsaal.
Ich erwischte gerade noch die einzige noch freie, alte und zerschlissene Turnmatte, machte es mir darauf so bequem wie möglich und fiel sofort in einen tiefen Schlaf.
Gefühlsmäßig eine Sekunde später wurde ich wieder geweckt. (Schlafzeit 2:30 Stunden)

Auf ging es diesmal in einer 7er Gruppe, die aber nicht lange beisammen war. Ich ließ die schnelleren fahren und fuhr wieder mit meinen drei Freunden.
Bei der Abfahrt aus Gaiole in Chianti hatte ich Probleme, meine Satteltasche richtig zu verstauen – irgendetwas passte da nicht mehr und die Tasche hing gefährlich nahe am Hinterrad. Des Rätsels Lösung, auf die ich erst bei der nächsten Kontrollstelle in einer Bäckerei kam, war einfach: Von der nagelneuen Tasche hatten sich auf beiden Seiten die Nähte der Halterung gelöst – da wird sich der Hersteller was anhören müssen… – notdürftig mit zwei Kabelbindern befestigt ging es weiter über italienische Straßen.

Das diese nicht unbedingt zu den besten Straßen Europas gehören, wird jedem klar sein, der schon einmal mit dem Rennrad hier unterwegs war. Die Straßen sind teilweise in einem furchtbaren Zustand. Man muss immer mit Schlaglöchern, Wellen oder äußerst holprigen Stücken rechnen. Dass sich das auf die bei mir besonders empfindlichen Handballen niederschlägt, ist leider so.

Vorbei an San Gimignano – das örtliche Eisgeschäft trägt den Weltmeistertitel in der Schokoladeeis Herstellung. Leider war es erst knapp vor 07:00 Uhr früh als wir den Ort passierten – so ein weltmeisterliches Schokoladeeis hätte ich gerne gekostet – ging es weiter durch die wunderschöne Landschaft der Toscana.

Zur Mittagszeit machten wir Rast in einer kleinen Trattoria. Ich bekam zum einheimischen Preis von 8 EURO 1,5 Liter Wasser, 1 Cola, 1 mal Gnocchi mit Pesto, ein gebratenes Schweinekotelett mit gemischtem Salat und ein Stück Kuchen. Nach einer halben Stunde Verdauungsschlaf am Flussufer ging es in der Hitze weiter Richtung Berge.
Am ersten ‚wirklichen‘ Berg wartete ich nicht mehr auf meine drei Mitstreiter, sondern fuhr alleine weiter. Der Tempo-Unterschied am Berg war einfach zu groß – außerdem spielten jetzt schön langsam auch ein paar kleine Rechenspiele im Kopf eine Rolle – ich wollte ja unter 4 Tagen Fahrzeit bleiben.
Bergauf überholten mich 2 Engländer, mit denen ich eine zeitlang mitfuhr, sie dann aber ziehen ließ. Ich traf sie an der nächsten Kontrolle in Brugnato wieder. (Mittwoch 19:10 Uhr)

Ein paar Worte gewechselt und wir fuhren gemeinsam in den nächsten Berg hinein. In einem Dorf am Fuße des Berges kehrten die zwei in ein Lokal zum Essen ein. Ich fuhr alleine weiter.

Es wurde wieder langsam dunkel und ich brauchte unbedingt eine Quelle, da mir das Wasser ausgegangen war. Ich fuhr auf einen langen, schlaksigen Italiener auf und fragte ihn nach Wasser. Er sprach ein paar Brocken Englisch und so konnten wir uns ein wenig unterhalten.
Er verschärfte dann jedoch das Tempo, sodass ich reissen ließ. – Und endlich kam auch eine Quelle, an der ich auftankte und mich für die Nacht adjustierte.

1 Stunde später fuhr ich wieder auf ‚Gigi‘ auf, der einen kleinen Hänger hatte.
Gemeinsam fuhren wir auf den ‚Passo Pianazze‘. Für mich der härteste Abschnitt der Tour.
Ich war müde, hatte Hunger – bekam aber die Riegel, die ich noch zur Genüge mithatte, nicht mehr hinunter. Die elendslangen und steilen Anstiege schienen auch kein Ende nehmen zu wollen. Endlich erreichten wir am Donnerstag um 00:36 gemeinsam die Kontrollstelle.

Als wir hineingingen, bekam ich auf einmal ein ungeheureres Déjà-vu-Erlebnis. Ich kannte das alles hier! Den dicken Wirten, die holzvertäfelte Schank, die drei Mitarbeiter, die um diese Zeit alle hinter der Schank auf Holztischen kauerten und schliefen – alles schien so bekannt und ich war verwirrt. Nach der wieder ausgezeichneten Pasta wollte ich nur noch schlafen. Und ich wusste bereits bevor uns der Wirt den Weg zu den zwei aufgestellten Campingliegen zeigte, dass diese im hinteren Raum hinter der mit Sandstrahl verzierten Glastüre in einem kalten Raum standen. – Und so war es dann auch. Klingt jetzt sicherlich etwas verrückt – aber ich habe mir das fest eingebildet – und tue das jetzt noch, dass ich dort schon einmal war und genau die gleiche Szene schon einmal davor erlebt habe.

Habe mich nach meiner Rückkehr jetzt einmal ein wenig mit dem Thema Déjà-vu auseinandergesetzt und ein paar Studien gefunden die belegen, dass körperlicher Stress gepaart mit tiefer Müdigkeit solche ‚Symptome‘ auslösen können -> Arg!

Aber egal – weiter im Text. Ich wachte nach 02:20 Stunden Schlaf auf, weil es in dem Raum so kalt war. Der Wirt hatte wohl eine wenig gelüftet… Und auf 1000 Meter Seehöhe kann es auch in Italien um 03:20 Uhr nachts ziemlich kalt werden.
Also Gigi geweckt und gerade als wir mit ‚Frühstück‘ fertig und abfahrbereit waren, kamen die zwei Engländer völlig fertig in das Wirtshaus. Sie hatten sich verfahren – und das in einer Gegend, wo kein Meter flach ist – sie schliefen noch im Stehen ein…

Alles angezogen was wir mithatten und wir machten uns an die Abfahrt. Mein super Licht ermöglichte es uns, ziemlich flott die kleinen Straßen hinunterzubrausen.
Wir befanden uns bereits auf einer breiter ausgebauten Straße. Ich fuhr mit etwa 40 km/h voraus, als ich auf einmal Sturzgeräusche – gefolgt von Geschrei – vernahm. Es fuhr mir in die Knochen – und im Innersten wollte ich jetzt hier nicht umdrehen ‚müssen‘, um mir den Anblick des gestürzten Gigi zu ersparen…

Gigi kauerte wimmernd am Asphalt, sein Rad war über die Böschung geflogen. Er rappelte sich aber auf, noch bevor ich ihn erreichte. Ich leuchtete ihn von oben bis unten mit meiner LED Taschenlampe ab – kein Blut – ok, die Kleidung der linken Seite war aufgrund des Sturzes auf den rauen Asphalt aufgerissen. Auf meine Frage, ob er glaube sich etwas gebrochen zu haben, verneinte er. ‚Nur‘ eine Rissquetschwunde im Bereich der Hüfte war erkennbar. Meine Frage, ob ich einen Arzt rufen sollte, verneinte er zweimal und wir begannen sein Rad anzuschauen. Einzig die Bremse hatte sich verstellt…. Da hat er doppelt Glück gehabt – hätte auch anders ausgehen können… Grund des Sturzes – wie sich später im Ziel herausstellen sollte: Er wollte sich die Jacke aufmachen, weil ihm heiß war – bei 40km/h in dunkler Nacht auf einer Abfahrt auf schlechten Strassen…

Bei der Auffahrt auf den letzten Berg der 1001Miglia, dem Passo Penice, einem Berg mit etwa 14km Länge und einer Höhendifferenz von etwa 750HM und einer maximalen Steigung von 14% konnte Gigi dann nicht mehr folgen und ich fuhr alleine weiter.
Der Berg zog sich nach etwa 1450km Fahrtstrecke natürlich – belohnte aber die Strapazen mit einem wunderschönen Ausblick. Bei der Abfahrt fielen mir wieder die Augen zu und ich musste wieder einmal einen 20 Minuten Powernap einlegen.

Bis nach Castellania, dem Geburtsort von Fauso Coppi, ging es recht flach. Nur der Ort selbst liegt auf einem Hügel. Kurz die Karte abgestempelt, Flaschen aufgefüllt für die letzten 119 flachen km nach Mailand und auf geht’s.
Der Wind meint es nicht gut und kommt von vorne. Trotzdem fahre ich die letzten km noch mit einem guten Schnitt. Je näher Mailand kommt, umso mehr gewinnt das GPS wieder an Wert. Unzählige Kreisverkehre, fehlende oder irreführende Markierungen – da die Strecke hier teilweise auch raus geführt hat – machen einem die Orientierung nicht gerade leicht.

Bei einem ‚Würstelstand‘ stärke ich mich das letzte Mal und fahre schlussendlich nach 3 Tagen, 19 Stunden und 24 Minuten – nach meiner Zeitrechnung – am Donnerstag um 16:24 Uhr ins Ziel.

Dort befinden sich eine Handvoll ‚Offizieller‘, und als sie mitbekommen, dass ich kein Italiener bin, kommen alle herbei. Der eine drückt mir, nachdem ich meine Karte abgegeben habe, einen großen Blumenstrauß in die Hand, die andere Dame meine Urkunde auf der meine ‚offizielle‘ Zeit – die sich in den nächsten Stunden einige Male ändern wird – steht: 91 Stunden 14 Minuten… Der nächste hängt mir die Medaille um und auch der Chef Fermo Rigamonti kommt herbei, um ein Foto mit mir machen zu lassen. Unterdessen erklärt mir die einzig des Deutschen mächtige Dame, dass es hier um den Preis des ‚besten Ausländers‘ geht.
Hmm, denke ich bei mir – in Österreich würde das so sicher nicht stattfinden – aber gut, wir sind hier in Italien – sollen Sie Ihre Freude haben.

Nachdem das Tamtam vorbei ist, schenke ich meine Blumen der Dolmetscherin – wie sollte ich sie auch ins Hotel transportieren … Ich holte mir ein Bier und setze mich hin. Etwa 11 Minuten nach mir kommt ein Engländer ins Ziel, den ich auf der letzen Etappe überholt habe. Er bekommt seine Urkunde, auf der eine Zeit von 91:13 eingetragen ist. Ich erkläre der Dolmetscherin, dass sie – wenn das stimmt – die Blumen wieder hergeben muss – da ja dann der Engländer – übrigens ‚Gewinner‘ der letzten Austragung von LEL – ‚bester Ausländer‘ sei.

Sofort kommen ein paar Offizielle und überprüfen das und es wird diskutiert. Währenddessen frage ich den Engländer, wann er denn eigentlich gestartet sei und er erwidert: in der 4 Gruppe. Somit stimmen die Zeiten ja hinten und vorne nicht, da er dann ja um mindestens 29 Minuten schneller sein müsste als ich…. – Anyway – es wird eine italienische Lösung gefunden und wir machen zu dritt mit dem Veranstalter ein Foto… – bis heute werden Zeiten und Platzierungen nachträglich geändert – ein Umstand, der mir eigentlich egal ist – ich weiß, was ich gefahren bin und ob ich nun in irgendeiner Liste als 13., 14., oder 15. auftauche, ist mir reichlich egal.

Ab ins Hotel und einmal ausgiebig geduscht. Danach bin ich mit dem Rad wieder zum Start gefahren und habe dort gegessen. Zwischendurch sind auch schon ein paar Mitstreiter von mir eingetroffen und man gratuliert sich gegenseitig und erzählt sich – so es die Sprache zulässt – die eine oder andere Geschichte.
Gegen 22:00 kehre ich ins Hotel zurück und begebe mich zu Bett. Irgendwann in der Nacht kommt auch Andreas in Ziel an. – Glückwunsch zum Finish!

Da ich vorsichtig geplant habe, habe ich nicht schon den Freitagnachmittag Rückflug gewählt, sondern erst den Sonntagabend Flug. Also bleiben mir noch 2 ½ Tage in Mailand, die ich damit verbringe, so gut als möglich zu regenerieren und diesen viel zu langen Bericht zu schreiben.

Vielleicht sieht man sich ja bei der nächsten Auflage der 1001Miglia im Jahre 2010 oder 2012 – denn wann das nächste mal ausgetragen wird, steht noch nicht fest… – es ist aber in jedem Falle eine Reise wert.

FAZIT
Organisation:
So einen Event zu organisieren bedarf eines hohen Zeit- und Kostenaufwandes. Und wie man gesehen hat, war die Organisation in Italien quasi in Familienhand von ein paar Leuten. – Gratulation dazu.
Dass es immer etwas zu verbessern gibt, ist klar. Für mich war der Event im Großen und Ganzen in Ordnung. Zwei Sachen sind aus meiner Sicht aber doch verbesserungswürdig.

a) Wenn bei einer Kontrolle angegeben ist, dass es dort etwas zu essen gibt – ob frei oder zu kaufen ist in dem Fall egal – und dann gibt es dort außer einem Stück Keks nichts, so kann das einem doch ziemlich aus seinem Konzept bringen.
b) Die Zeitnehmung sollte noch einmal überdacht werden – wenn vier Tage nach Zielschluss noch immer Zeiten und Positionen geändert werden, kann hier etwas nicht stimmen – zumal es sich hier eigentlich um Milchmädchenrechnungen handelt.

Strecke:
Landschaftlich zumeist sehr schöne Strecke mit zum Ende hin schwerer werdendem Terrain.
Die Kontrollstellen bzw. die Lage der Schlafstellen sind bei diesem Brevet sicherlich den schnelleren Fahrern entgegengekommen – Nur hier kann man es eben auch nicht jedem Recht machen.

Körperliche Defizite:
Dass einem auf einer Strecke von 1634km so ziemlich jede Körperstelle ein oder mehrere Male weh tut, ist vielleicht nachvollziehbar. Ich habe da jedoch ein probates Mittel für mich entdeckt – so blöd es jetzt auch klingen mag: Aber einfach nicht daran denken – dann geht der Schmerz von selbst wieder weg.
Einzig aus dem Brevet zurückbehaltenes Problem, das mich sicherlich auch noch die nächsten Monate begleiten wird, sind wieder einmal meine Hände. Die drei äußeren Finger der linken Hand sind ohne Gefühl – ist aber diesmal nicht so schlimm wie letztes Jahr nach PBP.

Finanzielle Defizite:
Ohne Betreuung während des Brevets kann man hier so in der Größenordnung eines einwöchigen Mallorca-Trainingslagers rechnen. Der Großteil der Kosten geht hierbei für das Hotel und Essen auf.

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